Besuch des Schülerkollegs International 2017 bei Kiron

Gerade wir Jugendlichen bewundern Menschen, die gegen Missstände in unserer Welt ankämpfen: Ein Mensch namens Gandhi kämpfte für Freiheit, Frieden und Völkerverständigung; Martin Luther King setzte sich für Gleichberechtigung und die Abschaffung der Rassentrennung in den USA ein und Leonardo di Caprio kämpft für den Artenschutz von Walen im Pazifischen Ozean.

Doch manchmal reicht auch ein Blick in die Gründerkultur der letzten fünf Jahre, um von Leuten inspiriert zu werden, die Probleme in unserer Gesellschaft erkennen und mit ihren Ideen einen Beitrag für mehr Frieden, Gleichberechtigung und Fortschritt leisten: Willkommen in der Welt der Social Start-Ups!

Der Besuch des Schülerkollegs International beim Social Start-Up Kiron am 09.11.2017 hinterließ bleibende Eindrücke und hat viele von uns – fernab von vielversprechenden Karrieren im Ausland – zum Nachdenken über unser nachhaltiges Engagement in der Zukunft gebracht.

Was ist Kiron?

„Stellt euch vor, ihr müsstet von Zuhause fliehen und eure Heimat verlassen: Welchen Gegenstand würdet ihr mitnehmen?“ – Mit dieser Frage begann der gut gelaunte Vincent Zimmer, Mitbegründer von Kiron Open Higher Education, seinen eloquenten Vortrag. Die Antworten der Gruppe auf die Frage waren vielseitig, vom Kühlschrank bis zum persönlichen Reisetagebuch war alles dabei.

Stattdessen wollte der junge Start-Up-Unternehmer auf etwas anderes hinaus: „Weltweit sind 64 Millionen Menschen auf der Flucht. Und nur die wenigsten denken an ihr Schulzeugnis.“ Die Challenge, so beschrieb es Vincent, bestünde darin, dass Flüchtlinge zum Beispiel durch fehlende Zeugnisse kein Studium an einer deutschen Hochschule beginnen können, obwohl sie die Kapazitäten und Fähigkeiten dazu hätten.

Dies war der Gedanke, der Vincent und sein Studienfreund Markus Kreßler im Jahr 2014 zu ihrer Idee führte: Kiron Open Higher Education, eine Online-Universität für Flüchtlinge. Aus Kiron entwickelte sich schließlich ein Social Start-Up mit dem Ziel, studieninteressierten Geflüchteten einen reibungslosen Übergang zur Hochschule zu ermöglichen. Damit wollen die beiden Querdenker eines der größten Probleme der Gegenwart lösen: Zugang zu kostenfreier und guter Bildung.

Im März 2015 konnten die Jungunternehmer ihre Vision realisieren. Inzwischen besteht Kiron aus 70 MitarbeiternInnen und 400 Freiwilligen. Kiron hilft mehr als 2.700 studieninteressierten Geflüchteten, sich weiterzubilden und mögliche Hürden beim Erwerb eines akademischen Grades zu überwinden.

Bildung auf dem Smartphone

„Jeder Flüchtling, der im Flüchtlingslager sitzt, sei es in der Türkei oder im Jemen, kann bei Kiron anfangen zu studieren, ohne Jahre des Wartens auf einen legalen Status zu verlieren“, erklärte uns Vincent. Alles, was diese Menschen für ihr Studium benötigen, ist ein Smartphone oder einen Laptop mit Internetzugang.

Dabei ist das Konzept, das hinter Kiron steckt, sehr simpel: Das gesamte Studium findet online und auf Englisch statt. Das Bildungsprogramm beschreibt Vincent als „Blended Learning“. Einige Plattformen, wie zum Beispiel Coursera, stellen sogenannte MOOCs (Massive Open Online Courses) zur Verfügung. Dabei handelt es sich um kostenlose Online-Vorlesungen, die zum Beispiel von Harvard-ProfessorenInnen oder DozentenInnen der Universität Zürich erstellt werden. Zu diesen Kursen gibt es Parallelstudiengänge an Partner-Unis. Studierende, die alle erforderlichen Studienleistungen online absolviert haben und einen ggf. notwendigen Aufnahmetest der Partnerhochschule bestanden haben, können nach zwei Jahren an eine der Partner-Unis wechseln und dort ihren Abschluss ablegen.

Zu Kirons Partnern gehören mittlerweile die renommierte SciencesPo in Paris und die Exzellenz-Uni RWTH Aachen sowie 43 weitere Hochschulen in insgesamt acht Ländern. Das Programm wird jeweils individuell auf jeden Studierenden zugeschnitten und beinhaltet gemischte und beliebte Studiengänge wie BWL oder Informatik – mit den besten ProfessorenInnen der Welt.

Keinen Cent für weltbeste Bildung

Der Clou an der Sache ist: Das Studium ist und bleibt für den Studenten kostenlos. Finanziert wird Kiron durch Spenden, Fördermittel, Stiftungen oder Unternehmen. „Von meiner Arbeit werde ich nicht reich“, sagte Vincent mit einem Schmunzeln, „aber damit fördern wir talentierte Flüchtlinge und ermöglichen weiteren Interessierten den Weg zum Hochschulstudium“.

Interessant ist auch, dass sich der Name Kiron aus der griechischen Mythologie ableitet: Cheirón war der Gott der Bildung im antiken Griechenland.

Vielfältige Angebote für Studierende

Kiron unterstützt Studierende nicht nur bei ihrem Studium. In einem Online-Forum können sie sich untereinander oder mit MitarbeiterInnen austauschen. Zusätzlich werden alle Studierenden durch ein Buddy-Programm gefördert. Ihre „Buddies“ helfen ihnen bei ihrer kulturellen und sozialen Integration.

Solche Angebote ergänzt Kiron durch eine Beratung, die dazu dient, Studierende bei der Verarbeitung von traumatischen Erfahrungen zu unterstützen. Dies wird gegebenenfalls an Experten weitergeleitet. Außerdem steht den Studierenden ein „Help Desk“ für jegliche sonstige Fragen zur Verfügung.

Eine gemeinsame Vision

2015 war das Jahr der sogenannten „Flüchtlingskrise“. Nicht nur in Deutschland, sondern überall in Europa standen Themen wie Flüchtlingsaufnahme, Unterbringung, Finanzierung und Integration an der Tagesordnung. So auch in Paris, wo Louisa Mammeri, eine junge Mitarbeiterin von Kiron, damals noch studierte. Sie war mit ein paar Freunden am Bahnhof unterwegs, als sie die Lage der Flüchtlinge bewusst wahrnahm und für sich entschied: Hier muss sich etwas ändern.

Haben Flüchtlinge in ihrer Heimat nicht vielleicht auch studiert? Vermissen sie das Leben auf dem Campus, das Lernen und den Alltag als Student? Und vor allem: Warum wird es ihnen nach ihrer Flucht so schwergemacht, dieses Leben weiterzuführen und sich selbst die Chance auf eine eigenständige und selbstbestimmte Zukunft zu eröffnen? – Durch all diese Fragen stieß Louisa Mammeri auf Kiron und beschloss, sich mit den deutschen Gründern in Verbindung zu setzen.

Schon bald war eine Skype-Konferenz geplant und der deutsche Start-Up-Gründer Vincent staunte nicht schlecht, als er auf den Bildschirm seines Computers sah und in ein etwa 1.000 Kilometer Luftlinie entferntes, Pariser Wohnzimmer blickte, in dem ein neues Team aus neun Leuten saß. All diese Menschen waren Louisa und ihre KommilitonInnen Und sie alle teilten Vincents Vision: „A world in which everyone has the equal chance to access and succeed in higher education.“ – Eine Welt, in der jeder dieselben Chancen auf Zugang und Erfolg in höherer Bildung hat.

Willkommen in Frankreich

Nach der Skype-Konferenz war klar: Louisa wird helfen, Kiron auch in Frankreich aufzubauen und groß zu machen. Es folgten unzählige Gespräche mit Universitäten und Hochschulen, um weitere Partneruniversitäten anzuwerben. Eine nicht immer ganz einfache Aufgabe für die junge Studentin. „Universitäten sind eher konservativ eingestellt“, erklärten uns Vincent und Louisa, „und tun sich anfangs schwer mit Neuerungen wie dieser.“

Louisas Arbeit trägt nun Früchte. Viele Universitäten in Frankreich ließen sich überzeugen und bieten nun Flüchtlingen die Chance, nach den Onlinekursen das Studium abzuschließen.

Für Louisa sollte es nicht bei ihrem Einsatz in Frankreich bleiben. Auch nach ihrem Studium blieb sie Kiron als Mitarbeiterin treu und arbeitete weiter am Ausbau und der Verbreitung des Start-Up-Unternehmens.

Auf dieselbe Art und Weise, wie sie es bereits in Frankreich getan hatte, begann sie auch in Jordanien, Kiron aufzubauen, bekannt zu machen und nach Partneruniversitäten zu suchen. Und das nach anfänglichen Schwierigkeiten auch hier mit großem Erfolg: „Die Gespräche waren nicht immer einfach und manchmal brauchte es einiges an Überzeugung, aber letztendlich war es auf jeden Fall eine erfolgreiche und spannende Zeit.“

Noch nicht am Ziel – aber auf dem besten Weg

Wie es für Louisa weitergeht und was sie im Leben noch alles erwartet, kann sie heute noch nicht genau sagen, aber erst mal ist ihr Platz an der Seite von Kiron. Für das Unternehmen ist die Zukunftsplanung da schon etwas konkreter.

„Neue Partneruniversitäten suchen wir aktuell nicht mehr primär“, erklärte uns Vincent. Es gehe in Zukunft darum, das Unternehmen weltweit bekannt zu machen und so vielen Studierenden wie möglich die besten Voraussetzungen für den Übergang an die Partneruniversitäten zu bieten.

Das sind im Zweifelsfall nicht nur Geflüchtete, sondern all jene, denen der Hochschulzugang aus verschiedensten Gründen erschwert wird.

Wir sind uns sicher, dass wir von diesem inspirierenden Unternehmen und dem engagierten und motivierten Team mit den großen Visionen auch in Zukunft noch eine ganze Menge hören werden und wünschen Louisa und Vincent zum Abschied noch alles Gute für ihre weiteren Pläne.

Dewina Leuschner, Arman R. Sanati & Mark Wendt