Wieso Serien viel mehr als nur Zeitvertreib sind

Bei welcher Staffel bist du? Das möchte die Serie aussagen. Die Entwicklung der Figuren ist bewundernswert! Wenn ich auf die Abende vom SKI zurückblicke, erinnere ich mich an leidenschaftliche Gespräche über Europa, Populismus, Russland, Trump und den Klimawandel, doch fast genauso aufgeweckt wurden verschiedenste Serien diskutiert, kritisiert und gefeiert. So habe ich mich gefragt, wieso Serien heutzutage eine so hohe Präsenz im Alltag zugeteilt wird.

Fernsehserien sind die niederste Form des Kulturkonsums, darin waren sich die US- amerikanischen Kritiker eins einig. So prognostizierte Allan Bloom 1987 in seinem Buch „The Closing of the American Mind“ das Ende der amerikanischen Kultur vor allem aufgrund des erbärmlichen Fernsehens.                                      Amos Vogel schrieb sogar noch 1997 in seinem Standardwerk „Film als subversive Kunst“, dass das Fernsehen die „universelle Nivellierung und eine betäubende und bösartige Fadesse“ pflegt.
Heute beschreibt der britische „Observer“ die Serie „Sopranos“ als „das bedeutendste Werk amerikanischer Populärkultur im letzten Vierteljahrhundert. „The Wire“ wurde von der New York Times mit Dickens verglichen, von der FAZ mit Balzac, und der Kolumnist Joe Klein meinte, die Serie hätte den Literaturnobelpreis verdient.

Des Weiteren erwirtschaftete die Serienindustrie 2017 mehr als die Filmbranche und 61% der deutschen Jugendlichen gaben in einer Umfrage laut ,,Statistika“ an, nahezu täglich Serien zu schauen.
Nun stellt sich also die Frage, was die drastische Änderung in der kulturellen Reputation von Serien bewirkt hat und was Menschen im Westen motiviert durchschnittlich eine ganze Woche im Jahr mit dem Konsum von diesen zu verbringen.

Ein beachtlicher Faktor, der zur laufenden Popularität von Serien entscheidend beiträgt, ist wohl die Tatsache, dass das Format den Flexibilitätsanforderungen der Gegenwart gerecht wird.
Durch Fernsehmediatheken und Streamingdiensten wie „Netflix“ und „Amazonprime“ können Serien allerorts und vor allem zeitlich flexibel konsumiert werden, was in einer Gesellschaft, in der Arbeitszeiten vermehrt ungeregelt sind und häufiges Reisen durch die Globalisierung zu immer mehr Berufsbildern dazu gehört, einen besonders hohen Stellenwert genießt und durch die Ermächtigung des Individuums dem heutigen Zeitgeist entspricht.

Aus selbigem Grund trägt das Kontinuierliche der Serie, ihre Beständigkeit, zu ihrem Erfolg bei, gleichbleibende Szenerien und vertrautes Personal bieten eine wohltuende Bindung, die Ordnung in das Chaos, was der Tag hinterlassen hat, oder in das von der Leistungsgesellschaft verwüstete Gemüt bringen.

Demnach liegt der Reiz von Serien nicht einfach im Inhalt der Geschichte, die Verführung liegt im Vorhandensein eines Programms, in der Vorhersehbarkeit mit der neue Geschichten regelmäßig wiederkehren und besonders in den Figuren, die durch in Intervallen präsentierte Abendteuer so vertraut wirken wie alte Freunde. Beispielsweise kann man in der Arztserie „Greys Anatomy“ seit 2005 die Ärzte von ihrem Anfängerjahr als Ärzte über ihre Karriere, Hochzeiten, Flugzeugabstürze, Scheidungen, Tode, Affären, Autounfälle und Geburten begleiten.

Der Soziologe Niklas Luhmann konnte in seiner Studie sogar beobachten, dass Menschen die eine Serie über zwei Jahre hinüber schauen, in der Realität weniger Freunde besitzen, als sie annehmen. Fersehsoziologen sprechen in solchen von „parasozialen Kontakten“: der emotionalen Bindung an Personen, die nicht existieren müssen um unbewusst ein fester Bestandteil der alltäglichen Lebenswirklichkeit von Menschen zu sein.                                                                                                 Also sind Serien also ein Medium, durch dass sich Menschen nicht mehr einsam fühlen, dazu kommt, dass das Format der Serie zum modernen Leben passt und Geborgenheit und Stabilität bieten kann.

Das ist aber nur ein Teil dessen, was Serien für Menschen leisten, der andere Teil scheint entgegengesetzt, Ungewissheit über den Ausgang eines laufenden Geschehens, so bietet eine Folge zwar eine Befriedigung die meist einen runden Abschluss verschafft und der Mörder wird gefasst, der Patient geheilt oder die Liebenden vertragen sich, was zeigt das Ordnung in die Welt gebracht werden kann, aber zeitgleich ist die Serie nicht beendet und ein endgültiges Ende wird aufgeschoben.
Serielle Erzählungen versprechen also eine ewige Erneuerung, mit der Neues zu Bekanntem wird, somit vereinen Serien zwei entgegengesetzte Narrative miteinander: Überraschung und Wiedererkennbarkeit.

Und genau das Ausbauen dieses Kontrastes ist es, was die heutigen Serien von denen der 80er Jahre unterscheidet, die neuen Qualitätsserien gewinnen an Komplexität, sie nutzen das Serienformat nicht für das Prinzip der kostensparenden Wiederholung, sondern setzten auf Prozess, ihre Figuren verändern sich, sie werden klüger oder dümmer, machen Fehler, revidieren diese und irren sich aufs neue, aber an anderer Stelle.

Dass sie dazulernen und trotzdem unberechenbar bleiben, ist wesentlicher Teil ihrer Anziehungskraft und weckt die Neugier der Zuschauer, durch die sie die Serie weiterschauen. Die Attraktivität neuer Serien basiert also weniger auf die noch vorhandene Identifikation mit den Figuren, weder im psychoanalytischem Sinn der imaginären Verschmelzung mit einer Figur noch im alltagsgebräuchlichem Verständnis der empfundenen Nähe, sondern es geht vor allem um ein Nachvollziehen der Veränderung, der Multiperspektivität im Inneren der Hauptfiguren und des differenten Wahrnehmen, durch das die Figuren wie echte Personen wirken und der Zuschauer auch durchaus an Erfahrung für sein eigenes Leben gewinnt.

Gegenwärtige Serien geben wie aus der Literatur bekannt Figuren und Beziehungen den Raum sich zu entwickeln und führen zu einer ,,epischen“ Darstellung, die mit den Mitteln von Ambiguität und Widersprüchlichkeit arbeitet und ausgesprochen komplexe Erzählstrukturen entwickelt.
Diese umfangreichen Gebilde werden von Erzählforschern als ,, narrative Universen“ beschrieben, wer Überblick über ein solches Universum erlangen und behalten möchte, muss Konzentration und ein gehöriges Maß an Hingabe aufbringen, Serien fordern somit in besonderer Weise die Beteiligung der Rezipienten heraus, was einen weiteren Anreiz zum Verfolgen dieser darstellt.

Zum Beispiel verlangen Produktionen wie „Lost“ oder „The Sopranos“ von ihren Zuschauern tatsächlich langfristige Aufmerksamkeit und erinnerungsstarke Kombinatorik, die hinter den Rezeptionsanforderungen für große Literatur nicht zurück steht und diese Vielfach noch übertrifft.

Nicht nur die Erzählweise der Serie sondern auch ihre Inhalte haben sich geändert, bei den neuen Serien geht es nicht mehr nur um Familienintrigen und Liebeleien der Reichen und Erfolgreichen, sondern um deutlich kontroversere Milieus und Themen.
So verschafft ,,Orange is the new Black“ einen herausfordernden Eindruck von dem Leben von Insassen eines Frauen Gefängnisses in New York und versucht in Rückblenden die Geschichten der Kriminellen, die selber verschiedenen sozialen Schichten und Rassen angehören, zu erzählen.

Auf diese Weise entsteht eine ,,epische Breite“, mit der verschiedene gesellschaftliche Milieus und Institutionen durchleuchtet werden und somit wird eine intensive Beschäftigung auch mit komplexen Strukturen und Milieus möglich, die vorher undenkbar war.

Und deswegen kann man davon sprechen, dass sich in den Konjunkturen der Seriengattung soziale Verhältnisse spiegeln, wer die herrschenden emotionalen Strukturen einer Gesellschaft begreifen möchte, tut gut daran, sich ihre Fernsehserien anzuschauen und dabei ist klar, dass Fernsehidentifikationen kein naturgetreues Abbild sozialer Wirklichkeit bilden und dennoch verraten sie uns, welche Konvention einer Gesellschaft zur Verfügung stehen.

Dabei beschreiben jüngere Forschungsansätze die kulturellen Leistungen von Fernsehserien mit dem Ausgangspunkt, dass sich unsere sozialen Verhältnisse in Fernsehserien nicht nur spiegeln, sondern dass das serielle Fernsehen selbst eine aktive Gestaltungskraft unserer Wirklichkeit ist.

Dabei ist von Bedeutung, dass Fernsehserien heute anders als eine Lektüre eine direkte Rückkopplung zwischen laufender Rezeption und laufender Erzählung ermöglichen, da Produktion und Konsum sich überlappen, so hat es ein Serienpublikum viel leichter als ein Werkpublikum auf den weiteren Gang des Geschehens durch Leserbriefe aber vor allem über Foren im Netz Einfluss zu nehmen.

Es sind also nicht mehr einzelne Autoren, die über Verläufe bestimmen, sondern arbeitsteilige Produktionsprozesse, in die aktive Rezipienten eingebunden werden, was der Medienwissenschaftler Henry Jenkins mit dem Begriff ,,participatory culture“ also einer ,,Kultur der Teilhabe“ zum Ausdruck bringt.

Serien interagieren mit uns, sie stellen Mutmaßungen über unsere Wünsche und Vorlieben an, sie reagieren auf unsere Handlungen und beobachten uns dabei, wie wir auf ihr Handeln reagieren. ,,Die fernsehgenerierte Welt“ kommentiert der Medienphilosoph Lorenz Engell, schaut ,,sich selbst beim Zuschauen zu und experimentiert auf diese Weise mit der eigenen Mentalität.

Nun muss man den utopischen Grundton solcher Thesen nicht teilen und darf sich auch durchaus fragen, welche kulturellen Kompetenzen durch diese Vernetzung verloren gehen könnten.
Es ist auch nicht zu unterschätzen, dass Serien zu einem Gesundheitsrisiko werden können, wenn sie einen vereinnahmen und die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwindet, sodass das schauen von Serien zur Sucht wird und Menschen sie nutzen um vor der Realität und ihrem Stress zu flüchten. Nicht selten werden Feierabende und Wochenende mit exzessiven Serienmarathons verbracht und dabei vernachlässigen einige Zuschauer Pflichten und ihr reales soziales Umfeld.

Letztlich sind Serien aber nicht verantwortlich für Prokrastination und es steht jedem frei, wie er sie konsumieren möchte.
So schrieb die Psychologie Professorin Elizabeth Cohen einen Essay, in dem sie die Anti-Stress Wirkung vom ,,Binge-Watching“ mit der eines guten Buches gleichsetzt und bejubelt.

Zusammenfassend wird die Bezeichnung ,,bloßes Konsumgut“ den moderne Serien, die ein Paradox von konstanter Erneuerung und Reproduktion sind beinhalten, nicht mehr gerecht, eine Serie ist für die meisten Zuschauer nicht mehr pures Glotzen, sie ist eine Situation, in die wir uns hineinbegeben, ein Ereignis an dem wir teilhaben können und eine Entwicklung es der wir lernen.

Die Kunst war dabei schon immer ein Spiegel der Verhältnisse und so spiegelt sich in Serien die Sehnsucht nach Beständigkeit aber auch das Bedürfnis nach Komplexität.
Dabei hat mittlerweile auch das deutsche Feuilleton erkannt, wie kontrovers und künstlerisch sich Serien entwickeln und so sind Serien insgesamt als eine Bereicherung der Kultur zu werten, solange Zuschauer auch Vertrauten begegnen, wenn der Laptop zugeklappt wird.

Von Yasmin Sadat Sedighi Renani

Quellen

http://www.rp-online.de/politik/deutschland/kolumnen/gesellschaftskunde/warum-menschen-so-gerne-serien-gucken-aid-1.4482758 – 13.06; 13:22

https://www.jetzt.de/serien/warum-wir-ueber-serien-sprechen-wie-ueber-menschen- 13.06; 13:43

http://www.jfki.fu-berlin.de/faculty/culture/persons/team/Kelleter/publications/serienhelden.pdf – 13.06; 16:08

http://fragen-ans-netz.de/warum-schauen-menschen-serien/ 14.06; 17:15

http://www.taz.de/!5057371/ – 14.01; 17:45 http://www.deutschlandfunk.de/erzaehlen-im-wandel-die-welt-als-serie-die-serie-als-welt.1184.de.html?dram:article_id=389260 – 14.06; 17:50

http://www.onmeda.de/magazin/binge-watching.html – 13.06; 23:48