„Du warst bis jetzt die Einzige, mit der ich mich noch nicht unterhalten habe“ gab Mark einer der Schülerinnen zu bemerken – gerade einmal 48 Stunden war es her, dass sich das 24-köpfige Team zum ersten Mal gesehen hat. Ist das überhaupt möglich? Jugendliche von heute sind doch bekanntlich unkommunikative Wesen, solange sie nicht ihr Smartphone zur Hand haben. Das erste Treffen des SKIs 17/18 steht diesem Vorurteil klar entgegen, rege Kommunikation herrschte rund um die Uhr. Doch wie funktioniert das eigentlich?

Toleranz, Vernunft und Humanität

Lessing kreiert in seinem Drama „Nathan der Weise“ die Utopie einer toleranten und durchweg humanen Gesellschaft. Die Hauptfigur Nathan schafft es, dass seine zuvor starrsinnigen Mitmenschen sich zu aufgeklärten und toleranten Menschen entwickeln. Und am Ende gelingt es ihm, religiöse Ressentiments unter den Charakteren abzubauen und eine tolerante und humane Gemeinschaft entsteht. Das Drama wird durch die Grundwerte Vernunft, Humanität und Toleranz geprägt.

Wie sieht eine Gemeinschaft aus, die sich diese drei Grundwerte auf die Fahne geschrieben hat?

„Darüber konnte ich noch nie so offen mit Freunden reden“, erklärte einer der Teilnehmer. Wir waren uns einfach alle sehr ähnlich. Auch darin, dass wir einander so hingenommen haben, wie wir sind. Denn die Akzeptanz anderer Positionen und Einstellungen ist der wichtigste Grundsatz für ein offenes Miteinander. Anerkennung dieser schafft mehr als eine offene Gemeinschaft – sie bildet Vertrauen aus. Vertrauen, das durch Toleranz hervorgerufen wird, ist es, was unser Team geprägt hat.

Und ich bin überzeugt, die vielfältigen Gespräche entstanden auf Grundlage dieses Vertrauens.

Gemeinsame Werte und Vorstellungen:

  • Anerkennung für Jeden
  • Handeln nach bestem Wissen und Gewissen
  • faktenbasiertes Argumentieren
  • der Mensch als Ganzes steht im Vordergrund
  • Oberflächlichkeit wird ausgegrenzt
  • kritisches Denken
  • Reflektion des eigenen Handelns

Eine gemeinsame Grundlage war also schon mal da! Trotzdem klingt das bis jetzt alles sehr abstrakt, kommen wir also zum praktischen Teil:

Lange Nacht der Politik

Erster Abend: Alle sitzen zusammen im Gemeinschaftsraum, essen Chips, spielen Karten und es läuft – zumindest aus Sicht der Betreuer – zu laute Musik. Das klingt eigentlich nach ganz normalen Jugendlichen, die zusammen abhängen… Bloß, dass normalerweise die klassischen Smalltalk-Fragen zum Beispiel wären, welchen Sport man macht, ob man einen Freund hat oder wo man feiern geht.

Ganz anders beim SKI: Wir checken erst mal die politischen Ausrichtungen unseres Gegenübers ab. Mit welcher Partei sympathisiert die Person? Was sagt man zur aktuellen Lage der Jamaika-Koalition? Und kennt sie die neuesten Gags aus der heute-show schon?

Das Tolle ist, dass dabei viel mehr als nur Smalltalk rausspringt, nämlich eine hochpolitische Diskussion, die im Übrigen bei einigen von uns im Programm vermisst wurde. Aber ist ja egal, wenn wir im Programm keine Diskussion haben, dann wird das halt auf dem Weg zur U-Bahn, beim Essen oder eben abends gemacht.

So kam es dann auch dazu, dass bereits am ersten Abend bis mindestens 2 Uhr nachts Betrieb war. Wie sollten wir das nur durchhalten in den nächsten vier Tagen? Ehrlich gesagt ist den meisten bis heute nicht klar, warum sie nicht zusammengebrochen sind. Aber selbst nach der letzten Nacht mit teilweise nur noch 2-3 Stunden Schlaf, haben alle zugegeben: Jede einzelne Stunde, die man an Schlaf verpasst hat, war lohnenswert!

Konkurrenz unter Überdurchschnittlichen?

Neben unserem Faible für Politik teilten wir alle gemeinsam das riesige Engagement in zahlreichen außerunterrichtlichen Projekten. Ob in der SV, bei Musikensembles, Naturwissenschaftswettbewerben oder Austauschprogrammen, eins war klar: Diejenigen, die sich besonders stark einbringen, das sind wir! Allerdings gibt es bei Stipendien, Praktika oder Auslandsprojekten nur sehr begrenzte Platzzahlen. Oft ist dementsprechend beispielsweise in Trainingsgruppen oder Orchestern mit hohem Leistungsniveau ein ständiger Druck, sich mit anderen zu vergleichen, kennzeichnend.

Obwohl es im Jahrgang 17/18 tatsächlich mehrere Schüler gab, die sich bei gleichen Organisationen beworben haben, trat dieses Phänomen bei uns überhaupt nicht auf. Womöglich liegt es einfach daran, dass uns während den vier Tagen klar geworden ist, was für eine Vielzahl an Werdegänge einem offen stehen.

Außerdem spielen auch hier die Vernunft und das kritische Denken eine große Rolle. Kann der eine vielleicht sieben Sprachen sprechen, ist das für die anderen kein Grund zur Sorge oder gar Neid. Nein, man denkt sich einfach: „Okay, dafür bin ich super musikalisch und kann mehrere Instrumente spielen.“

Und dadurch, dass wir uns gegenseitig über jene Fähigkeiten und Aktivitäten ausgetauscht haben, sind wir wieder etwas stärker zusammengewachsen. Auch über ganz private Dinge, wie etwa wie viele Beziehungen man schon hatte, wurde offen gesprochen. „Ganz ehrlich ihr wisst alles über mich“, stellte Carla am letzten Abend fest. Und alle teilten das Gefühl miteinander, dass wir uns scheinbar schon seit Ewigkeiten kennen müssten.

Von Hannah Lassak und Athena Möller