Die Frage nach der Bildung: Irgendwie sind sich alle einig, dass im Bereich der staatlichen Bildung etwas getan werden muss, doch kaum jemand kann ein überzeugendes Konzept vorweisen. Es sind immer kleinere Anpassungen, denn Politiker*innen sind vorsichtig geworden. Schließlich sind größere Reformen häufig fehlgeschlagen und/oder mussten teilweise wieder zurückgenommen werden (siehe G8 in Bayern).

Fakt ist auf jeden Fall, dass unser Schulsystem aus dem 19. Jahrhundert stammt und sowohl besonders talentierte wie auch benachteiligte Schüler*innen in ihrem Vorankommen gebremst werden. Im folgenden Blogbeitrag werde ich versuchen, Denkanstöße für die Nutzung des technologischen Fortschritts im Bereich der Bildung zu geben.

Als erstes müssen wir uns die elementare Frage stellen: Was ist Bildung?

Grob gesagt ist Bildung die Entwicklung einer Persönlichkeit. Man kann nur gebildet, also mündig sein, wenn man viele Dinge weiß. Denn ohne zu wissen, welche Möglichkeiten existieren, kann man keine fundierte Meinung zu einem Thema haben und ohne Meinungen hat man keine Persönlichkeit.

Der Staat hat die Pflicht sich um die Bildung seiner Bürger*innen zu kümmern. Um dies zu erreichen fokussiert er sich in erster Linie auf die Wissensvermittlung, denn das ist der greifbarste, messbarste und am leichtesten bereitzustellende Bereich der Bildung.

Hier muss der Staat vor allem auf zwei Faktoren achten: zum einen auf die Effizienz, also wie viel, pro eingesetzte Zeit/finanzielle Ressource rauskommt und zum anderen auf Gerechtigkeit, d. h. dass niemand benachteiligt werden darf. Momentan wird durch die verschiedenen Schulformen und Klassenstufen versucht, alle Gleichaltrigen und ähnlich Leistenden zusammen in einem Klassenverband zu unterrichten. Das ist mehr oder weniger gerecht, da (fast) jede*r das gleiche lernt. Und es ist grundsätzlich effizient, weil so die derzeit vorhandenen staatlichen Mittel ausreichen um vielen Schüler*innen viel beizubringen. Diese Denkweise zieht sich durch das gesamte staatliche Bildungssystem. Sie sorgt aber gleichwohl für sehr viele Probleme (sowohl im Bereich der Gerechtigkeit als auch der Effizienz), denn die staatliche Bildung ist nicht individuell.

Digitalisierte Bildung ist die perfekte Lösung für dieses Problem. Durch die Digitalisierung kann es möglich werden, dass jede*r Schüler*in individuell von einer künstlichen Intelligenz betreut wird. Der Einfluss der Digitalisierung auf die Bildung ist vieldimensional. Die zwei wichtigsten Aspekte sind zum einen das unbegrenzte Speichern und Versenden von Informationen durch das Internet und zum anderen die Möglichkeit, immer komplexere Tätigkeiten durch neuronale Netze zu automatisieren. Neuronale Netze funktionieren vereinfacht gesagt schließlich so, dass sie Inputdaten (und die dort gewünschten Ergebnisse) erhalten und daraus „selbständig“ lernen. Je mehr Inputdaten ein solches Netz erhält, desto besser wird das neuronale Netzwerk.

Durch die Digitalisierung wird es also langfristig möglich, relativ(!) günstig, qualitativ sehr hochwertige Lehrmedien zu produzieren und diese jedem/jeder, also Menschen jeden Alters zugänglich zu machen. Das nächste Herausforderung wäre jedoch die Verteilung all dieser Informationen. Jeder Mensch ist anders, deswegen sollten verschiedene Menschen die gleichen Dinge auf verschiedene Weise lernen. Sobald sich im Menschen Interessen und Talente herauskristallisiert haben, sollte auch jeder Mensch verschiedene Dinge lernen dürfen. Es braucht also eine individualisierte Anleitung, all die verfügbaren Informationen zu nutzen. Anfangs werden viele Menschen benötigt, die diese individualisierten Anleitungen zusammenstellen, doch bereits nach kurzer Zeit (sobald genügend Daten gesammelt wurden), könnten neuronale Netzwerke den Menschen im Analysieren der Daten überlegen sein. Dies bedeutet, dass ab diesem Zeitpunkt jede*r eine individualisierte Anleitung zum Nutzen der Lehrmedien bekommt, die von einem sich selbst stetig verbessernden neuronalen Netzwerk zusammengestellt werden. Wenn jetzt der Staat auch noch die Ergebnisse der Bildung/Wissensvermittlung bestätigt (möglicherweise nach staatlicher Prüfung), also offiziell durch Zertifikate/erworbene Schulabschlüsse anerkennt, haben auch Erwachsene einen weiteren Anreiz diese Programme zu nutzen. Natürlich ersetzt eine so digitalisierte Bildung das Zusammenkommen der Schüler*innen nicht ganz. Sie bietet eher eine Basis auf der aufbauend Gruppenprojekte, Gespräche mit Lehrer*innen etc. stattfinden können.

Das oben Beschriebene ist bei weitem nicht perfekt. Aber es ist besser als das aktuelle Bildungssystem. Es bestehen auch noch viele Anpassungsmöglichkeiten, beispielsweise sollten auch zu Themen, die normalerweise in der Schule/Universität nicht gelehrt werden Medien produziert werden (z.B. für Hobbys). Auch die Werke privater Produzenten (z. B. Brilliant, Kiron, etc.) könnten nach eine qualitativen Überprüfung (und ggf. Bezahlung) aufgenommen werden. Dieses System ist effizienter, denn erstens sind die Kosten für den Staat zwar einmalig sehr groß, könnten sich aber langfristig rentieren, da man die Zahl der Lehrer*innen verringern könnte. Länder mit der gleichen Unterrichtssprache (z.B. die angelsächsischen Länder) könnten die Kosten auch teilweise gemeinsam tragen und dasselbe Programm nutzen. Eine gebildetere Bevölkerung hätte sicherlich auch positiven Einfluss auf die Wirtschaft, was dem Staat nochmals Geld einbringt.

Ein solches digitales System ist für Schüler*innen deutlich effizienter, da bei einem individualisierten, auf das eigene Lerntempo und persönliche Interessen zugeschnittener Lernplan ein schnelleres Lernen möglich ist. Die Individualisierung kann auch Benachteiligungen von Schüler*innen, die wegen ihres familiären Hintergrunds benachteiligt sind, gezielt ausgleichen. Das führt dazu, dass dieses Konzept gerechter wäre als das aktuelle System. Natürlich müssten die Veränderungen schrittweise eingeführt werden. Als erstes zum Beispiel nur als Ergänzung; später könnten ganze Schulstunden (in der Schule) darauf verwendet werden, sich nur mithilfe der Technik neues Wissen/Fertigkeiten anzueignen. Zuletzt würde den Schüler*innen die Möglichkeit gegeben, nicht mehr zur Schule zu kommen, solange sie Zuhause lernen. Auf jeden Fall muss die Nutzung dieses Systems für jede*n Bürger*in kostenfrei möglich sein.

Als wir in Berlin waren, haben wir auch das StartUp Kiron besucht, das genau das oben beschriebene Konzept nutzt . Noch bieten sie ihre Kurse nur auf Universitätsniveau, bzw. vorbereitend auf die Universität und nur für Flüchtlinge an, die eine echte Universität (noch) nicht besuchen dürfen, an. Die Lehrpläne bei Kiron werden auch noch von Menschen zusammengestellt und nicht von neuronalen Netzen, aber ansonsten ist das Konzept sehr ähnlich. Auch dort können die „Schüler*innen“ ihre Kurse bei einer „echten“ Universität anerkennen lassen.

Ich persönlich fand das Konzept von Kiron echt beeindruckend. Die Tatsache, dass das Unternehmen die größte Crowdfundingkampange Europas hatte, weist darauf hin, dass das Konzept bei der Bevölkerung gut ankommt. Wenn Kiron in den nächsten Jahren Erfolg hat und die Skalierung erfolgreich war, dann wird die Politik eventuell auf die Idee kommen, dass so etwas ähnliches auch für die normale Bevölkerung sinnvoll wäre.

Von Leon Bernáth